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Tagungsankündigung: Just not in time

Inframedialität und die Genealogie des Unerwarteten

Tagung des kulturwissenschaftlichen Forschungskollegs “Medien und kulturelle
Kommunikation”

Ort: Kölnischer Kunstverein, Hahnenstr. 6, 50667 Köln
28.-30. Juni 2007

Die ökonomischen Standards von Just-in-time, Ready-made und All-inclusive suggerieren das Phantasma einer grenzenlosen Sichtbarkeit und Verfügbarkeit von Bildern, Wissen, von materiellen und immateriellen Gütern, die das
Unerwartete von Widerstandsmomenten und Unterschieden ausschließen. Die Tagung will dagegen die möglichen Intensitäten und Interventionen eines Just-not-in-time als Frage nach nicht-linearen Modellen und Verfahren der
Zeitlichkeit in Kunst, Philosophie, Film und Literatur diskutieren. Im Mittelpunkt stehen Marcel Duchamps Konzept des Inframince, das auf das Potential hauchdünner Unterschiede abzielt, Henri Bergsons zeitphilosophische Idee der Durée (als Dauer im Unterschied zur messbaren, linearen Zeit) sowie Gilles Deleuzes daran anknüpfendes Zeit-Bild im Kino.
Inwieweit lässt sich im Anschluss das Unverfügbare und Unentscheidbare zeitlicher Differenz als Bedingung von Sichtbarkeit herausarbeiten? Und in welchen Konstellationen treffen im Unerwarteten, das zur Unzeit eintritt, heterogene Kräfte, Materialien, Techniken und Konzepte aufeinander?

Donnerstag, 28.06.

Keynote
18:30 h: Herbert Molderings: Ästhetik des Possibilismus. Zu Marcel Duchamps 3 Kunststopf-Normalmaße

Freitag, 29.06.

9:00 h: Begrüßung: Irmela Schneider

Sektion 1: Duchamp inframince
Moderation: Wolfgang Beilenhoff
9:30-10:30 h: Michael Wetzel: Die Möglichkeit der Möglichkeit. Eine inframediale Potenzierung des ästhetischen Zeitspielraums
10:30-11:00 h: Kaffeepause
11:00-12:00 h: Jean-Michel Rabaté: Marcel Duchamp’s Waverthin Papertrail. The Trace of a Trace
12:00-13:00 h: Dieter Daniels: Duchamps Großes Glas – eine Antizipation der Kybernetik?

13:00-14:30 h: Mittagspause

Sektion 2: Intensive Zeit: Bergson und Deleuze
Moderation: Friedrich Balke
14:30-15.30 h: Sarah Kolb: Dem Werden auf die Pelle rücken. Bildtopologie bei Bergson und Duchamp
15:30-16:00 h: Kaffeepause
16:00-17:00 h: Mirjam Schaub: Das Prinzip der Ununterscheidbarkeit in Deleuzes Zeit-Bild
17:00-18:00 h: Heike Klippel: Out of the Past – oder die Verleugnung der Zeit

Samstag, 30.06.

Sektion 3: Zeitpolitiken in der zeitgenössischen Kunst und Literatur
Moderation: Lilian Haberer
11:00-12:00 h: Ursula Frohne: Genealogien fiktionaler ZeitRäume: Zum Motiv der Vergegenwärtigung in Pierre Huyghes Videoinstallationen
12:00-13:00 h: Michael Cuntz: Das Neue im Immergleichen? Roberto Bolaños Ungleichzeitigkeiten
14:30-15:30 h: Sabeth Buchmann: Medium Zeit. Zu Arbeiten von Hélio Oiticica
15:30-16:30 h: Ilka Becker: “Let’s do the time warp again!” Re-enactments des Films bei T. J. Wilcox

Konzeption: Ilka Becker, Michael Cuntz, Sarah Kolb, Astrid Kusser, Michael Wetzel
In Kooperation mit dem Kölnischen Kunstverein und der Kunsthochschule für Medien Köln.
Weitere Infos unter: www.fk-427.de

Ankündigungstext (english version below):

Inframedialität und die Genealogie des Unerwarteten

Die Tagung beschäftigt sich mit dem Sichtbarwerden von Zeit als Verschränkung heterogener Zeitdimensionen in einer problematischen Gegenwart, die nicht mehr einer Logik der Repräsentation gehorcht. Problematisch an dieser Gegenwart ist ihre irreduzible Flüchtigkeit als ein in seiner Zeitlichkeit selbst nicht sichtbar werdendes Medium, in dem Vergangenheit in einer Weise “zur Lesbarkeit kommt” (Walter Benjamin), die dem doppelten Entzug von Vergehen und Werden ausgeliefert ist. Eine in diesem Sinne als Inframedialität gedachte Genealogie rechnet vielmehr mit Brüchen, Schwellen, Verschiebungen und Transformationen von Vielheiten schon im Innern medialer Konfigurationen als deren konstitutive Voraussetzung, in der sich ein intensives Werden heterogener Kräfte als virtuelle Überschreitung der Grenzen von Einzelmedien ihren Visualisierungstechniken zeigt. Das unerwartete Auftauchen historischer Ereignisse markiert so eine Schwelle der Sichtbarkeit, die für eine infra-strukturelle Genealogie immer auch Manifestation nicht-sichtbarer Kraftfelder – wie beim physikalischen Beispiel der Infrarot-Analyse – bzw. einer latenten Überdeterminiertheit der Sinnintentionen ist, deren Potentialität sich erst im Nachhinein der Repräsentation aktualisiert, ohne sich darin zu erschöpfen.

Analysiert werden folglich epistemologische und künstlerische Konzepte, die sich dem Unerwarteten, Unverfügbaren und Unentscheidbaren zeitlicher Differenz als Bedingung von Sichtbarkeit öffnen. Es geht dabei auch um eine Affinität von Kunst- und Wissenschaftsgeschichte im Sinne der “Experimentalsysteme” (Hans-Jörg Rheinberger), in denen sich ein neues, lineare Ursprungsgeschichten verabschiedendes historiographisches Konzept der Spur artikuliert, das von einer Nachträglichkeit bzw. von einem supplementären Aufschub des Innovationspotentials ausgeht. Das Gemeinsame liegt in der Intention auf das zur Unzeit eintretende Unerwartete, in dem ein spezifisch Neues der im nicht-kalkulierbaren Zeitprozeß sich entfaltenden Genealogie des Virtuellen gemäß einer aleatorischen Logik des Zufalls zum Vorschein kommt.

Mit dem Neologismus Inframedialität, der ausgehend von Marcel Duchamps Begriff des Infra-mince formuliert ist, sollen die Formen und Konfigurationen thematisiert werden, in denen dieser zeitlichem Aufschub der internen Möglichkeiten produktiv wird. Duchamp verweist auf Erscheinungen des Hauchdünnen und der Doppeldeutigkeit kategorialer Unterscheidungen wie z.B. zwischen Ursache und Wirkung, Identität und Differenz, Gesetz und Zufall, Wirklichkeit und Möglichkeit, Original und Wiederholung, Affirmation und Parodie oder Selbst und Anderem, aber auch zwischen Raum und Zeit. Im Unterschied zu einer Logik, die auf der Erzeugung und Abgrenzung binärer Positionen basiert, geht das Konzept der Inframedialität also von einer Art innerer Differenzierung der zeitlichen Bahnung der Spur im Sinne der “différance” (Jacques Derrida) aus. Im Fokus stehen damit infinitesimale Unterscheidungen, die eine Nicht-Berechenbarkeit und Nicht-Entscheidbarkeit dieser hauchdünnen Grenzlinien und Intervalle implizieren und die heterogene Kräfte, Materialien, Techniken oder Konzepte aufeinander treffen lassen. Inframedialität markiert in diesem Sinne eine Grenze von Darstellbarkeit als zeitliche Differenz, die sich jedoch nicht anhand von diskreten Schnitten in einem linearen Zeitstrahl fassen lässt. Wie Michel Foucault gezeigt hat, bleibt Sichtbarkeit wesentlich an das Moment von Zeitlichkeit als Werden gekoppelt. Diese Zeitlichkeit ist, Gilles Deleuze zufolge, eine qualitative Zeit intensiver Ausdehnungen und Kontraktionen, in deren Innerem eine Art von nicht-repräsentierbaren ‚Sichtbarkeitsmaschinen’ arbeitet. Die basale Kategorie des Werdens verweist auf jenen Begriff der Dauer (durée), den der französische Philosoph Henri Bergson zu Beginn des 20. Jahrhunderts dem dominanten, punktuelle Momente aneinanderreihenden Zeitkonzept der Chronologie entgegensetzte. Die Dauer, die sich durch heterogene Vielfalt und intensive Verdichtung auszeichnet, bleibt in ihrem kontinuierlichen Werden wesentlich undarstellbar, während etwa fotografischen oder filmischen Visualisierungen eine historisierende Funktion zukommt, in der sich die Prozessualität ihrer Hervorbringung als Doppelmarkierung eines Sichtbar- und Unsichtbarwerdens mit darstellt.

Doch was zeichnet dieses Sichtbarwerden der inframedialen Differenz zwischen unvorhersehbarem Ereignis und nachträglicher Erfahrung als Genealogie aus? Die Rede von der ‚Globalisierung’ suggeriert gerade das phantasmatische Bild einer restlosen Hyper-Sichtbarkeit, die sich nicht nur auf Visualität beschränkt, sondern die auch die schrankenlose Verfügbarkeit von Produktivkräften (inklusive Arbeitskraft), von Biomacht und Lebenszeit betrifft. Man könnte vermuten, dass es zwischen den ökonomischen Standards von just-in-time und all-inclusive keine Zwischenräume mehr gibt, keine Nischen, in denen das Unerwartete als Möglichkeit der ‚Auslassung’ Raum hätte. Dieser Diagnose einer Lebenswelt als Ready-Made soll eine Aufmerksamkeit für die impliziten Widerstandsmomente der feinen Unterschiede und Wandlungen entgegengesetzt werden. Die u. a. von Foucault angeregten Analysen zur Alterität von Raumvorstellungen gilt es durch solche zu ‚anderen Zeiten’ einer Heterotemporalität weiterzuführen, welche die globalen Beziehungssysteme nicht nur als äußere Grenzen, sondern vor allem als innere metastabile Komplexität durchziehen. Gemeint ist eine Zeitlichkeit, in der so unterschiedliche Quantifizierungen wie z. B. pünktliche Börsennotierungen, maschinell getaktete Arbeitszeiten oder geregelte ‚Freizeit’ zum Kunst- qua Kulturkonsum nicht einfach in einem reibungslos ineinander greifenden Gefüge aufgingen, sondern die als qualitative Infra-Zeit geprägt wäre von Nachträglichkeit und Aufschub, von Ungleichzeitigkeit und Unentscheidbarkeit, von Nähe und Ferne, von Kontinuität und Kontingenz.

Die möglichen Intensitäten und Interventionen dieses Just not in time sollen als Frage nach denjenigen Verfahren diskutiert werden, in denen dieser Zeitlichkeit des Zeitlichen, d. h. der Irreduzibilität des Werdens und damit der Verspätung jeder Sichtbarkeit im paradoxen Augenblick eines “nicht mehr” und “noch nicht” Rechnung getragen wird. Hinterfragbar werden also auch so ‚große’ Gegensätze der Moderne wie der von Subjekt und Objekt, von Arbeit und Spiel, von Produktion und Rezeption, denen nicht-lineare Modelle der Implikation, Rekursion oder Immersion gegenüberzustellen wären. Im Spannungsfeld zwischen Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit werden Erscheinungen und Ereignisse symptomatisch für eine andere Zeit – eine Zeit der unerwarteten, wenn nicht gar unzeitgemäßen Auslegung, deren Genealogie als Aufgabe historischer, philosophischer oder ästhetischer Arbeit an inframedialen Überdeterminationen diskutiert werden soll.

englische Fassung:

Inframediality and the Genealogy of the Unexpected

The conference will examine the way time becomes visible as an intertwining of heterogeneous temporal dimensions in a present that must be seen as problematic, no longer obeying a logic of representation. What is problematic about this present is its irreducible elusiveness. This present is itself a medium that does not become visible in its temporality – a medium in which the past “achieves readability” (Walter Benjamin) in a manner which is prone to the dual elimination of passing away and coming to be. Indeed, a genealogy conceived in this sense as inframediality assumes to have fractures, thresholds, shifts and transformations of multiplicities even in the inner structure of media configurations (as their constitutive prerequisite) in which an intensive coming to be of heterogeneous forces appears as the virtual transcending of the boundaries of individual media through their technologies of visualisation.

The unexpected emergence of historical events thus marks a threshold of visibility, which for an infra-structural genealogy is always simultaneously a manifestation of non-visible force fields – as in the physical example of infrared analysis – or a latent overdetermination of meanings and intentions, an overdetermination whose potentiality only brought up to the present in the posteriority of the representation, without exhausting itself therein.

So what we shall be analysing are the epistemological and artistic concepts that open themselves to the unexpected, the unavailable and the undecidable aspects of temporal difference as a condition for visibility. We are also considering here an affinity between the histories of art and science in the sense of “experimental systems” (Hans-Jörg Rheinberger) in which a new historiographical concept of trace is articulated, one which, going beyond linear accounts of origin, starts from the notion of a posteriority or of a supplementary deferral of the innovative potential. The commonality lies in the attention to the unexpected occurring at the wrong time or rather ‘untime’ (Unzeit), i.e. the unexpected in which the specific novelty of a genealogy of the virtual, unfolding within the incalculable time process, makes its appearance in accordance with an aleatoric logic of the accidental.

Using the neologism ‘inframediality’, which is derived from Marcel Duchamp’s concept of infra-mince, we hope to identify the forms and configurations in which this temporal deferral of internal possibilities becomes productive. Duchamp points to appearances of the wafer-thin and the ambiguity of categorical distinctions, such as between cause and effect, identity and difference, laws and accident, reality and possibility, original and copy, affirmation and parody, or the self and the other, but also between space and time.

Thus, unlike a logic based on the creation and delineation of binary positions, the concept of inframediality starts with a sort of inner differentiation of the traces laid down through time in the sense of “différance” (Jacques Derrida). The focus is therefore on infinitesimal distinctions which imply an incalculability and undecidability of these wafer-thin boundary lines and intervals and allow the heterogeneous forces, materials, technologies or concepts impinge upon each other. In this way inframediality marks a limit to the presentability of temporal difference which cannot, however, be understood in a linear stream of time by means of discretely broken sequences.

As Michel Foucault has shown, visibility remains essentially coupled to the moment of the temporality of coming to be. This temporality is, according to Gilles Deleuze, a qualitative time of intensive expansions and contractions within which a sort of unrepresentable ‘visibility machine’ is at work. The fundamental category of coming to be points to the concept of duration (durée), which the French Philosopher Henri Bergson developed at the beginning of the 20th century in opposition to the dominant concept of time as chronology that strings along moments as points in time. Characterised by heterogeneous diversity and intensive compression, duration remains essentially unpresentable in its continual coming to be, while, say, photographic or filmic visualisations take on a historicizing function in which the processuality of their production is presented as a dual designating of becoming visible and invisible.

But what characterizes this visibilization of the inframedial difference between an unpredictable event and subsequent experience in terms of genealogy? The talk of ‘globalization’ suggests precisely the phantasmatic image of a complete hyper-visibility, which is not just limited to appearances but also concerns the unlimited availability of productive forces (including labour power), of bio-power and lifetime. One might suppose that between the economic imperatives of just-in-time and all-inclusive there are no longer any interstices, no niches which might offer space for the unexpected as a potential ‘gap’. This diagnosis of a life-world (Lebenswelt) as ready-made seeks to counterpose an awareness of the implicit moments of resistance to the subtle distinctions and changes.

Analyses of the alterity of ideas of spatiality, inspired by Foucault and others, need to be extended by analyzing ‘other times’, i.e. by considering a heterotemporality which does not only pervade the systems of global relationships as outer boundaries but above all as inner meta-stable complexity. This means a temporality in which quantifications as diverse as, for example, up-to-the-moment stock exchange quotations, machine-clocked work-time or regulated ‘leisure time’ for art as culture consumption are not simply resolved into a frictionless interlocking system. Rather, we have here a temporality understood as a qualitative infra-time that is characterized by deferral, by non-simultaneity and undecidability, of closeness and remoteness, of continuity and contingency.

The possible intensities and interventions of this just not in time are to be discussed by questioning those approaches which take into account this temporality of the temporal, i.e. the irreducibility of coming to be and thus the delaying of that visibility in the paradoxical moment of a “no longer” and “not yet”. We shall also be questioning such ‘grand’ contradictions of modernism as the contradiction between subject and object, between work and play, between production and reception to which non-linear models of implication, recursion or immersion might be counterposed. In view of the tensions between visibility and invisibility, appearances and events become symptomatic of another time – a time of the unexpected, perhaps even ‘out-of-time’ interpretation, a time whose genealogy should be considered as a task entailing historical, philosophical or aesthetic labour on inframedial overdeterminations.

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Prof. Dr. Michael Wetzel