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05.11.2007: Vortrag im Rahmen der Tagung “Zwischen Kunst und Kommerz – zur Aktualität des Surrealismus”, Universität Siegen

Titel des Vortrags:

Marcel Duchamp als Entdecker des Infra-Realismus und seine
infra-medialen Konsequenzen

Zur Tagung:

Die gleich nach dem ausgerufenen „Ende des Surrealismus“ von Adorno begonnene und von Bürger u.a. fortgesetzte Debatte über die Musealisierung der Avantgarde hat sich bestätigt – und doch auch wieder nicht. Die Musealisierung des Surrealismus schreitet voran. Aber vielleicht ist seine massenmediale Wirkung heute größer denn je, auch wenn er die von seinen Begründern proklamierte Revolution nicht auszulösen vermochte. Es stellt sich die Frage, ob aus der zunächst gewünschten „Mythologie des Alltags“ (Breton, Aragon, Barthes) heraus der Surrealismus selbst zum Mythos geworden ist – oder gar zur Marke, zum Postkartenmotiv zwischen Kitsch und Kommerz. Zahlreichen Erscheinungen der aktuellen Medien- und Populärkultur werden surreale Aspekte zuerkannt, die seinen Erfolg befördern, seien es Ausstellungen zu Themen des historischen Surrealismus oder auch Film, Theater, Fotografie, Fernsehen, Werbung, Computerspiel, Netz- und Videokunst. Dabei verändert die ‚Surrealisierung‘, indem sie mediale Verunsicherung betreibt, die Struktur des Medienensembles selbst. Den Gründen für die Aktualität und Metamorphose des Surrealismus soll in der gemeinsamen Diskussion und den Beiträgen nachgespürt werden. Aus mediengeschichtlicher Perspektive könnte danach gefragt werden, ob die Phänomene des ‚Medienumbruchs‘ (einer durch Fotografie, Film und andere Medien veränderten Wahrnehmung), die im Surrealismus zu Beginn des 20. Jahrhunderts ausgedrückt wurden, nun wieder aktuell sind, da es den neuesten digitalen ‚Medienumbruch‘ zu verarbeiten gilt. Hat der Surrealismus in seiner künstlerischen Praxis gegenwärtigen Bild-, Literatur- und Medientheorien Vorschub geleistet, die nun versuchen, den iconic turn einer digitalisierten Medienlandschaft zu erklären? Dabei wird auch die Frage diskutiert, wie sich die Beziehung zwischen Virtualität undSurrealität beschreiben lässt. Handelt es sich nur um die gezielte Einsetzung von bekannten, eingängigen „surrealistischen Schockeffekten“, die als Werbeträger funktionieren? Dann hätten Benjamin mit der „technischen Reproduzierbarkeit des Kunstwerks“ und Bürger mit dem „Scheitern der Avantgarde“ recht behalten: Der revolutionäre Impetus, der schon im historischen Surrealismus ambivalent war, wäre heute von den Marktmechanismen assimiliert worden. Dagegen spricht eine auf künstlerischer und theoretischer Ebene kontinuierliche Auseinandersetzung mit dem Surrealismus, den man in Bezug auf aktuelle Erscheinungen neu definieren müsste. Besitzt der Surrealismus heute – mit all seinen Modifikationen und intermedialen Spielarten – ein Reflexionspotential, das mit Blick auf den aktuellen Medienumbruch neue Perspektiven eröffnet?

Tagung:
Zwischen Kunst und Kommerz – zur Aktualität des Surrealismus
Universität Siegen, Kulturwissenschaftliches Forschungskolleg 615
MEDIENUMBRÜCHE
Artur-Woll-Haus
Am Eichenhang 50
57076 Siegen

 

PROGRAMM

Montag, 05. November 2007

12.00 – 12.45 Uhr
Begrüßung und Einführung

12.45 – 13.30 Uhr
Jürgen Link:
Zur erotischen Faszination durch die nicht
normale ‘passante’ in und nach dem
Surrealismus

Mittagspause (im Artur-Woll-Haus)

14.15 – 15.00 Uhr
Natascha Adamowsky:
Virtueller Surrealismus. Smarte Technologien und
der Möglichkeitsraum der Erfahrungen

15.00 – 15.45 Uhr
Michael Wetzel (N.N.)

Kaffeepause

16.15 – 17.00 Uhr
Susanne Klengel:
Vom ‚hasard objectif’ der Surrealisten zu
den Koinzidenzen im Zeitalter der Globalisierung.
Ein Versuch zur Poetik des Zufalls

17.00 – 17.45 Uhr
Rose Gropp:
Balthus und der Surrealismus

Dienstag, 06. November 2007

9.30 – 10.15 Uhr
Ursula Link-Heer:
„Des Indes à la planète Mars“. Stationen des
Mediumismus von Théodore de Flournoy
über Breton zur postmodernen Identitätsstörung

10.15 – 11.00 Uhr
Jochen Venus:
Surrealismus und Simulation. Zur
Wiederkehr surrealistischer Formen im
digitalen Medienumbruch

Kaffeepause

11.15 – 12.00 Uhr
Gregor Schuhen:
Madonna/Dalí

12.00 – 12.45 Uhr
E. Voigts-Virchow
Surrealist Sell-Out – Chris Cunningham
Körper als Pop-Surrealismus

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Homepage und Weblog von
Prof. Dr. Michael Wetzel