Inframedialität

Michael Wetzel: Die Enden des Buches oder die Wiederkehr der Schrift

Die Enden des Buches

“Die Geschichte vom Ende des Buches ist eine unendliche Geschichte. Nicht erst seit der Proklamation des Abschieds von der Gutenberg-Galaxis wird ihm durch Verfechter wie Verächter der sog. neuen Medien die Totenglocke geläutet. Von den einen als hoffnungslos überaltertes Medium gescholten, von den anderen als verlorenes Bildungsgut betrauert, hört das Buch im Zeitalter beschleunigter Print-Medien nicht auf aufzuhören.

Aber ist die immer wieder beklagte Publikationsflut nicht auch Symptom eines Verfalls? Seine kulturelle und wissenschaftliche Autorität als führender Träger und Vermittler von Wissen hat das Buch unwiederbringlich an die neuen Medien verloren. Der Informationsbedarf wird zunehmend durch audiovisuelle Datenträger, durch Photographie, Film, Fernsehen, Radio und Computer gedeckt, im Vergleich zu deren Realitätsnähe das Buch nur Erfahrungen aus zweiter Hand zu bieten scheint.

Den Durchbruch dieses neuen medientechnischen Paradigmas einer Spurensicherung des Realen arbeitet die vorliegende Untersuchung vor allem anhand des semiologischen Paradigmenwechsels im 19. Jahrhundert heraus. Bei der Gegenüberstellung literarischer und technischer Medien geht es dabei zentral um die Widerlegung eines gängigen Vorurteils, das von Ende des Buches auf ein End eder Schrift schließt. Vielmehr wird gezeigt, daß in den Speichern, Sendern, Empfängern und Rechnern maschineller Datenverarbeitung Schrift in der entschränkten Vorm delinearisierter Spuren wiederkehrt. Sie bring die ‘Idee’ einer universellen Lesbarkeit der Welt als Bibliotheksphänomen zum Erlöschen und öffnet die Enden des Buches für die Signaturen des Realen.

Ausgehend von Jacques Derridas ‘Grammatologie’, stehen das Konzept von Schrift als Spur und seine veränderte Raum- und Zeitstrukturen (Aufschub, différance, Nachträglichkeit) im Zentrum. Eine geschichtliche Aufarbeitung der logozentrischen Verdrängung von Schrift als materiellem Medium zeigt die historische Spannung zwischen machtzentrierten Aufschreibesystemen und den unverfügbaren Spuren einer Ordnung der Dinge. Sie markiert auch den modernen Gegensatz geistes- und naturwissenschaftlicher Axiomatik, der am Begriff der Information verdeutlicht wird. Eine ausführliche Auseinandersetzung mit Heideggers Analyse semiologischer verweisung und Benjamins Theorie technischer Reproduzierbarkeit führt am Beispiel von Photographie und Film die medientechnischen Bedingungen vor, unter denen sich der Hypertext einer Spur des Realen wiedereinschreibt.” (Klappentext)

Michael Wetzel
Die Enden des Buches oder die Wiederkehr der Schrift
Weinheim: VCH Acta Humanoria 1991
230 Seiten (gebunden), ISBN: 3-527-17777-9